Material Intelligence in der Vorbewertung ist strukturierte, indikative Orientierung zu Baustoffen in der frühen Planungsphase — vor einer formellen oder zertifizierten Ökobilanz. Sie liefert vergleichbare Mengen, Kreislaufpfade, indikative Wirkungsklassen, Materialalternativen und indikative Kosten, damit Teams Entscheidungen prägen können, solange diese noch offen sind. Sie informiert das Gespräch früh; sie zertifiziert das Ergebnis nicht später.

Das zählt, weil in der frühen Phase der Großteil an grauen Emissionen, Kosten und Kreislaufpotenzial entschieden wird — meist mit der am wenigsten strukturierten Information zur Hand.

Das Wichtigste in Kürze

  • Vier Bausteine: Mengen, Kreislaufpfade, indikative Wirkungsklassen, Alternativen und indikative Kosten je Bauteilaufbau.
  • Der Zweck ist der Zeitpunkt, nicht die Genauigkeit: eine Antwort, solange der Entwurf beweglich ist.
  • Vergleich statt Absolutwert. Der Unterschied zwischen zwei Varianten ist robuster als jede Einzelzahl.
  • Kein Nachweis. Der ausgewiesene Wert kommt aus einer vollständigen Berechnung nach EN 15978.
  • Die Übergabe an die zertifizierte Bewertung ist Teil des Konzepts, nicht ein nachträglicher Gedanke.

Warum entscheidet die frühe Phase die meisten Emissionen?

Weil Masse und Materialwahl dort festgelegt werden. Tragwerkssystem, Fassadenaufbau und — im Bestand — die Entscheidung zwischen Erhalt und Rückbau fallen in den ersten Monaten. Danach steigen die Kosten einer Änderung steil, während ihre Emissionswirkung gleich bleibt (Graue Emissionen im Bauwesen).

Was bedeutet „Material Intelligence” konkret?

Mengen

Reale Mengen aus Entwurf oder Bestandsaufnahme, auf Bauteilebene strukturiert. Das ist die Grundlage — und die größte Fehlerquelle in der frühen Phase. Ein Emissionsfaktor liegt um Prozente daneben; eine vergessene Decke um ein Vielfaches.

Kreislaufpfade

Jedes Bauteil wird eingeordnet: erhalten, wiederverwenden, aufarbeiten, ersetzen oder neu. Jeder Pfad trägt einen Faktor auf die Basis-Emissionen (Kreislaufpfade).

Indikative Wirkungsklassen

Drei Klassen statt einer scheinbar exakten Zahl. Wirkungsklassen werden je Kubikmeter berechnet (Kohlenstoff × Dichte): niedrig unter 200, mittel 200–800, hoch über 800 kg CO₂-Äq./m³. Deshalb liest sich Beton trotz kleinem Wert je Kilogramm als mittel. Ein Material ohne Dichteangabe bekommt keine Klasse statt einer geschätzten. Die Klassengrenzen sind Elementas eigene Einteilung, keine Normvorgabe.

Der Kohlenstoffwert dahinter kommt aus der Datenbank, nicht aus einer Schätzung: Elementa bewertet jede Schicht mit einem generischen ÖKOBAUDAT-Datensatz (EN 15804+A2, Module A1–A3), der dieser Schicht zugeordnet ist. Vorgeschlagen wird zuerst der Datensatz, der zum Projektstandort passt, generisch vor produktspezifisch; passen mehrere gleich gut, fragt Elementa nach. Eine Schicht ohne zugeordneten Datensatz bleibt unbewertet und fließt nicht in Summen ein, statt einen Ersatzwert zu bekommen (EPD oder generischer Datensatz).

Alternativen und indikative Kosten

Materiell vergleichbare Alternativen auf gleicher funktionaler Basis. Alternativen tragen keinen eigenen Preis; die Kosten werden stattdessen je Bauteilaufbau geschätzt. Für jeden Aufbau wählen Sie eine Maßnahme, und Elementa multipliziert einen Satz aus der österreichischen Kostenreferenz 2026 mit einem Regionalfaktor und der Menge des Aufbaus. Die Sätze sind Experteneinschätzungen (Basis Graz/Steiermark, fünf österreichische Regionen) mit einer genannten Unsicherheit von meist ±15–25 %, als Spanne gezeigt; ein eingetragenes Angebot ersetzt den Satz. Abgedeckt sind Tragwerk, Fassaden, Fenster, Innenwände, Bodenbeläge und Decken, für Neubau und Sanierung; Dächer und Türen werden noch nicht bepreist. So wird die Abwägung sichtbar, bevor sie in der Ausschreibung auftaucht (Kosten und Kreislauffähigkeit).

Vorbewertung und zertifizierte Ökobilanz: was unterscheidet sie?

Vorbewertung Zertifizierte Ökobilanz
Beantwortet Welche Variante liegt niedriger? Wie hoch ist der Wert dieses Gebäudes?
Daten Generische Datensätze Produktspezifische EPDs
Zeitpunkt Vorentwurf, solange änderbar Nach Festlegung
Ergebnis Eine Entscheidung Der ausgewiesene Wert
Pflicht? Nein Ja, ab 2028

Die vollständige Gegenüberstellung steht in Vorbewertung oder zertifizierte Ökobilanz.

Wie läuft der Arbeitsablauf?

  1. Mengen einlesen — aus dem Entwurf oder aus IFC/DXF-Bestandsdaten.
  2. Pfade und Materialien zuordnen, bauteilweise.
  3. Szenarien vergleichen auf indikativen Emissionen und Kosten.
  4. Übergeben — Mengenmodell und dokumentierte Systemgrenze an die zertifizierte Bewertung.

Richtig aufgesetzt wird die spätere Bewertung dadurch meist günstiger, weil ein Großteil ihrer Eingangsdaten bereits strukturiert vorliegt.

Wo hört die Vorbewertung auf?

Dort, wo ein Wert ein Dokument tragen muss. Sobald jemand unterschreibt — Energieausweis, Fördereinreichung, Zertifizierung — braucht es verifizierte Daten und eine vollständige Berechnung.

Diese Grenze schriftlich zu ziehen ist eine Governance-Frage, nicht nur eine fachliche: In Beiratsvorlagen, Ausschreibungen und Marketing muss klar sein, welche Zahl welchen Status hat.

Häufige Fragen

Ersetzt die Vorbewertung eine Ökobilanz? Nein. Sie prägt den Entwurf, aus dem der später ausgewiesene Wert entsteht.

Wie genau ist sie? Genau genug, um Varianten zu ordnen, nicht um ein Gebäude nachzuweisen.

Für welche Projekte lohnt sie sich? Für alle, bei denen die Materialentscheidung noch offen ist — besonders im Bestand, wo die Erhaltungsfrage den größten Hebel darstellt (Erhaltungsstrategie für die Sanierung).

Was das bedeutet

Der Wert der Vorbewertung liegt nicht in ihrer Präzision, sondern in ihrem Zeitpunkt. Eine ungefähre Antwort, während sich noch etwas ändern lässt, ist mehr wert als eine genaue, wenn es das nicht mehr tut.

Frühe Werte sind indikativ und richtungsweisend. Sie stützen Entscheidungen; sie ersetzen weder eine zertifizierte Ökobilanz noch einen Energieausweis.